Historie
Geschichtlicher Abriss
Das Rittergut Lucklum ist als historisches Ensemble von herausragender, kulturgeschichtlicher Bedeutung. Zur großflächigen Anlage gehören das Gutshaus mit Rittersaal, Rittervorhalle, Billardzimmer und ehemaliger Ordenskapelle, das alte Amtshaus, die Schmiede, Ställe und Scheunen sowie der große Wirtschaftshof und der Landschaftspark. Insbesondere das 18. und 19. Jahrhundert prägen auch heute noch das äußere Erscheinungsbild der unter Denkmalschutz stehenden Gesamtanlage. Von 1260/1265 bis 1809 war Lucklum durchgehend Komturei des Deutschen Ordens, seit 1811 ist es in privater Eigentümerschaft. Zu allen Zeiten bildeten Land- und Forstwirtschaft die wirtschaftliche Grundlage der Kommende, des Gutes.
1000
Erstmals wird 1051 Lucgenheim urkundlich erwähnt. Der Name Lucgenheim, also die Niederlassung eines Lucko (Ludger), wird im Laufe der Jahrhunderte zu »Lucklum« verschliffen.
1096
Nach einer 1095 Rede von Papst Urban II. bei der Stadt Clermont brechen im Jahr 1096 Kreuzfahrer mit dem Ruf »Deus lo vult« – Gott will es – nach Palästina auf, um die heiligen Stätten der Christenheit, die seit mehr als 400 Jahren in muslimischer Hand sind, wieder zu übernehmen.
1200
Anfang des 13. Jahrhunderts verlegt der 1190/98 im Zuge der Kreuzzüge im Heiligen Land gegründete Deutsche Orden seinen Schwerpunkt in den Osten Europas. Die Missionierung der Pruzzen ist das Ziel des Ritterordens. Im ganzen Reich entstehen Ordensniederlassungen (Kommenden) zur wirtschaftlichen Absicherung und Anwerbung neuer Ordensritter.
Lucklum, am Fluss der Wabe sowie an mittelalterlichen Handelsstraßen liegend, entwickelt sich zu einer Siedlung mit großer Dorfkirche, Archidiakonat-Sitz, Halsgerichtsbarkeit und Marktrecht, die das Potenzial zur Kleinstadt hat. Mit der Gründung der Kommende „übernimmt“ der Deutsche Orden im Sinne des „Bauernlegens“ Schritt für Schritt den Ort.
1213
Der Deutsche Orden siedelt sich im Gebiet am Elm an und wird 1221 mit der Elmsburg belehnt.
1260/65
Der Deutsche Orden weitet um 1260/65 seinen Landbesitz von der Elmsburg über die Reitlingsburg Richtung Lucklum aus.
1287
Lucklum wird Teil der Ballei Ober- und Niedersachsen. Aufgrund seiner Größe mit den angeschlossenen Kommenden Elmsburg und Reitlingsburg spielt Lucklum von Beginn an eine führende Rolle in der Ballei.
1300
Die Kommende wird ausgebaut. Die alte Dorfkirche wird mit dem Haupthaus Teil einer Vierflügelanlage. Das Bauschema orientiert sich an den Grundrissen großer Ordensburgen in West- und Ostpreußen. Die guten Beziehungen zum Braunschweiger Herzoghaus befördern die Entwicklung.
1314/16
Die Dorfkirche wird zur Ordenskappelle umgewandelt, der alte Chor vermutlich abgerissen. Das Archidiakonat ist nun in Evessen angesiedelt.
1400
Der Deutsche Orden verliert im 15. Jahrhundert im Osten erheblich an Einfluss. Die Kommende Lucklum genießt nicht mehr die Steuerfreiheit wie im 14. Jahrhundert, sondern muss Abgaben an den braunschweigischen Landesherrn und an den Deutschmeister des Ordens leisten.
1500
Die Reformation ist ein entscheidender Einschnitt für den Deutschen Orden. Gebietsverluste, Austritte von Ritter- und Priesterbrüdern führen zu einer Schwächung des Ordens. Der katholische Deutsche Orden mit Hauptsitz in Mergentheim wird trikonfessionell, um kein Ordensgut zu verlieren. Die protestantischen Balleien werden relativ selbständige Gebilde und sinken zu »Versorgungseinrichtungen alter adliger Herren« ab.
1568
Herzog Julius von Braunschweig-Wolfenbüttel setzt die Reformation im Herzogtum endgültig durch. Die Kommende Lucklum ist Teil der lutherischen Ballei Sachsen. Das Zölibat gilt weiterhin für alle Ordensbrüder.
Ab 1590
Landkomtur Hans von Lossau (1573-1605) erneuert die klosterähnliche Anlage des Kommendehofes, das Vorwerk wird grundsätzlich neu errichtet, der Bau der großen Umfassungsmauer wird begonnen.
1600
Während des Dreißigjährigen Krieges werden Teile der Kommende zerstört. Der umsichtige Komtur Jan Daniel von Priort (1648-1684) baut die Kommende wieder auf. Sein Nachfolger Friedrich Maximilian von Stayn (1684-1703) entwickelt die Kommende im repräsentativen Stil weiter.
1605
Die Landkomturwürde der Ballei Sachsen ist nun direkt mit dem Lucklumer Besitz verbunden. Damit ist Lucklum Verwaltungssitz der gesamten Ballei.
1694
Die protestantische Kapelle erhält eine Holzkassettendecke.
1700
Die Ballei Sachsen besteht nicht mehr aus elf, sondern nur noch aus sechs Kommenden. Im 18. Jahrhundert erlebt Lucklum aber eine besondere Blütezeit. Das Kommendegebäude wird im höfisch-repräsentativen Stil umgebaut. Um 1700 wird mit der emblematischen Ausmalung der Kirche begonnen, die von ihrem Gesamtprogramm einzigartig ist. Die Kirche erhält einen neuen Turm. Landschaftsgarten und Lindenallee werden angelegt.
1737/38
Unter Komtur Freiherr August Wilhelm von Grote (1737-1753) wird der Rittersaal mit repräsentativer Bildergalerie eingerichtet. Die 57 Bilder zeigen vor allem Porträts der Lucklumer Komture bis 1809, der Hochmeister des Deutschen Ordens und mit Lucklum verbundene Ordensritter sowie Porträts der Herzöge von Braunschweig-Wolfenbüttel und deren Frauen.
1740
Erneuerung des Westflügels mit Durchfahrt zum Innenhof.
ab 1759
Unter Komtur Daniel Christoph Georg von der Schulenburg (1757-1772) wird ein Teil des Lucklumer Parks von Daniel August Schwarzkopf im Stil des englischen Landschaftsgartens mit Wasserfall und Lusthaus im chinesischen Stil angelegt. Der großzügige Lebensstil des Komturs und eine schlechte Wirtschaftsführung führen zu ökonomischen Problemen der Kommende.
1774-1800
Der Komtur Gottlob Friedrich Freiherr von Hardenberg (1774-1800) ordnet die Kommende wieder neu und lässt die Lindenallee anlegen. Sein Neffe, der Schriftsteller Novalis, besucht Lucklum.
1785
Anlage der vierreihigen Lindenallee.
1800
Die Geschichte Lucklums als Kommende des Deutschen Ordens endet 1809. Die Anlage geht in der Folgezeit in Privateigentum über und wird zu verschiedenen Phasen in Teilen umgebaut bzw. erweitert.
1809
Napoleon löst den Deutschen Orden in den Rheinbundstaaten auf. Der letzte Lucklumer Komtur Philipp Otto Münchhausen (1805-1809) dankt ab, Lucklum geht in den Besitz von Napoleons jüngstem Bruder, Jérôme König von Westpfahlen, über.
1809/10
Der Verwalter organisiert eine Auktion des Inventars des Kommendegebäudes, die Ordensbibliothek wird von Lucklum nach Marburg sowie nach Kassel überwiesen.
1811
Lucklum wird an den Amtmann Wahnschaffe aus Warberg veräußert, ein Gebäude erwirbt der Papierfabrikant Bergmann. Die Familie Wahnschaffe muss jedoch wegen des Kaufs einen langjährigen Prozess mit der 1813 wiedererrichteten Braunschweiger Regierung führen.
1820er Jahre
Die Familie Wahnschaffe führt umfangreiche Instandsetzungsarbeiten durch. So wird unter anderem der Ostflügel grundlegend erneuert.
1831
Lucklum wird offiziell in die Rittergüter des Landes Braunschweig aufgenommen.
1861
Der Bremer Kaufmann und Unternehmer Johann Henrich Frerichs (1811-1868) wird neuer Eigentümer des Rittergutes. Frerichs, der in der englischen Textilindustrie sehr erfolgreich war, entwickelt weitsichtig eine Art Masterplan für Lucklum. So errichtet er frühzeitig unter anderem das Hospital, das in der Folgezeit Altersheim, Kindergarten und Schule beherbergt. Auch stellt er den Pfarrer Gustav Stutzer (1839-1921) an, der in dieser Zeit eine psychiatrische Anstalt in Erkerode gründet, aus der die heutige Evangelische Stiftung Neuerkerode hervorgeht.
1861
Die neue Orgel von Orgelbauer Johann Andreas Engelhardt aus Herzberg wird in der Kirche errichtet. Die barocke Orgel kommt nach Erkerode.
1868
Mathilde Frerichs (1813-1905) übernimmt nach dem frühen Tod ihres Mannes die Leitung des Ritterguts, gefolgt von ihrem Sohn Hermann Frerichs (1856-1906). Ihre Kinder führt sie in die Braunschweiger Gesellschaft ein: Ihre Tochter Adele heiratet den Kammerherrn August Cramer von Clausbruch, ihre Tochter Mathilde den Unternehmer Arnold Rimpau. Das Gutshaus wird in Teilen im historistischen Stil renoviert.
1874/75
Der Bremer Landschaftsgärtner und Gartenarchitekt Wilhelm Benque (1814-1895) entwickelt im gemischten Stil den Lucklumer Landschaftsgarten umfassend weiter.
1900
Die wirtschaftliche Blütephase der Familie Frerichs setzt sich zu Anfang des 20. Jahrhunderts fort. Im Zweiten Weltkrieg bleibt Lucklum von Bombenangriffen verschont. Nach dem Krieg steigt die Bewohnerzahl durch den Zuzug von Geflüchteten und Vertriebenen auf über 500 an. Erbteilung sowie der Strukturwandel im ländlichen Raum führen zu größeren wirtschaftlichen Einschnitten und Veränderungen.
1906
Adele Cramer von Clausbruch, geborene Frerichs (1860-1949) erhält im Erbgang das Rittergut Lucklum.
1929
Der Deutsche Orden, 1834 in Wien wieder ins Leben gerufen, reorganisiert sich als klerikaler Orden geistlichen Rechts.
1949/1953
Segeband von Henninges (1907-1985) wird von seiner Großmutter Adele Cramer von Clausbruch per Testament zum Erben des Rittergutes Lucklum, das heißt, des Lucklumer Besitzes, bestimmt. Sein Bruder, Jürgen von Henninges (1909-1985), erbt die Liegenschaft im Reitlingstal mit Wiesen und Forst.
1969
Jürgen von Henninges verkauft seinen Besitz (287 Hektar) im Reitlingstal.
1974
Johann Heinrich von Henninges (1940–2018) übernimmt die Leitung des Ritterguts und führt den land- und forstwirtschaftlichen Betrieb weiter. In den 70er Jahren wird die Viehwirtschaft eingestellt. Teile des Ritterguts werden umfassend unter anderem zu Mietwohnungen umgebaut.
1999
Das Wirtshaus »Wegwarte«, Nachfolgeinstitution des »Schlucklum«, wird im alten Pferdestall des Gutes eröffnet.
2000
Die im 20. Jahrhundert begonnene Umnutzung der nicht mehr für die Land- und Forstwirtschaft benötigten Gebäude zu Wohn- und Arbeitszwecken wird weiter ausgebaut – auch um die Instandhaltung der historischen Anlage mit ihren großen Dachflächen zu ermöglichen.
2007
Wolfram von Henninges (Jg. 1970) übernimmt den Betrieb des Ritterguts von seinem Vater. Engagiert setzt er sich in den nächsten Jahren unter anderem für die Sanierung der Dächer des Ritterguts, der Stein- und Bauscheune sowie der Orgel und Emblematik in der Gutskirche ein.
2009
Die Reitschule und Pferdepension »ReitGut« werden im Bereich des alten Schaf- und Fohlenstalls eröffnet.
2010
Die Gemäldesammlung des Rittersaals wird in Hannover per Auktion zum Verkauf angeboten und zu mehr als 50 Prozent versteigert. Weitere Verkäufe des historischen Inventars finden in diesen Jahren statt.
2012
Das Rittergut wird von der Unternehmerfamilie Mast erworben. In ihrem Auftrag wird es seitdem bewirtschaftet und weiterentwickelt. Das Familienunternehmen ist bereits in der fünften Generation im Bereich der Land- und Forstwirtschaft tätig. Zudem wird mit den ersten Schritten zur baulichen Instandsetzung des gut 30 Gebäude umfassenden Ensembles begonnen. Alle Bereiche sind dem grundlegenden Ziel der Nachhaltigkeit verpflichtet.
2013
Im historischen Stallgebäude entstehen das »CaféGut« und das »EventGut«. Das Rittergut öffnet sich auch im Rahmen von kulturellen, kirchlichen und gastronomischen Veranstaltungen zunehmend nach außen. Und ist vielfältig: Leben, Wohnen, Arbeiten und Kultur auf dem Rittergut.
2018
Die neu angepflanzte Lindenallee, historische Hauptzufahrt zum Gutshaus, wird eingeweiht.
2019
Die Hackschnitzelanlage wird in Betrieb genommen und versorgt das Rittergut sowie Teile des Dorfes mit Heizwärme.
2020ff.
Weitere land- und forstwirtschaftliche Flächen werden 2020 sowie in den folgenden Jahren auch in anderen Bundesländern gepachtet und/oder erworben und nachhaltig bewirtschaftet.
2020
Im Rahmen eines Auswahlverfahrens wird ein Architekturbüro (Generalplaner) für das Rittergut Lucklum bestimmt zur Erstellung und Umsetzung eines ganzheitlichen Sanierungs- und Nutzungplanes.
2021
Fertigstellung des neuen Masterplans und Beginn der schrittweisen Umsetzung der baulichen Instandsetzung und damit des Nutzungskonzeptes.
2022
Start des Projekts „Agroforstwirtschaft“ in Lucklum, bei dem landwirtschaftliche Flächen mit Bäumen und Sträuchern kombiniert werden.
2022
Eröffnung der Kindertagesstätte im grundlegend instandgesetzten Forsthaus.
2022
Die Umstellung der konventionellen Landwirtschaft auf Biolandwirtschaft (Naturland-Richtlinien) in Lucklum ist abgeschlossen. Weitere landwirtschaftliche Flächen in der Region folgen.
2023
Die neue Reithalle inklusive Photovoltaikanlage (Solararchitektur) wird eingeweiht.
Nach umfassender Planung wird im Oktober auf dem Gut mit großflächigen Sanierungsarbeiten begonnen. Lucklum verwandelt sich in eine Großbaustelle.
2026
Sechs Gebäude, darunter der alte Schafstall, Amtshaus und alte Meierei, werden saniert.
Rittersaal
Das Herrenhaus mit seinem Rittersaal ist das Herzstück der ehemaligen Kommende. Unter Komtur Freiherr August Wilhelm von Grote entsteht 1737/38 der prachtvolle Saal mit Bildergalerie. 57 Portraits zeigen die Lucklumer Komture seit 1648, Hochmeister des Deutschen Ordens sowie verschiedene Ordensritter. Die Ölgemälde der Herzöge von Braunschweig weisen auf die enge Verbindung vom Deutschen Orden zum Braunschweiger Fürstenhaus.
2010 wurden zahlreiche Gemälde auf einer Auktion versteigert. Der beeindruckende Rittersaal spiegelt noch heute die lange Geschichte der Lucklumer Deutschordenskommende im Herzogtum Braunschweig-Wolfenbüttel wider.
Auf Anfrage organisieren wir Ihnen eine Führung über das historisch bedeutsame Rittergut mit unserer Kunsthistorikerin Dr. Elisabeth Vorderwülbecke.