Seit ich auf einem landwirtschaftlichen Betrieb arbeite und in Dienstbesprechungen kleine Einblicke in die Arbeit von Bäuerinnen und Bauern bekomme, kann ich nur sagen: für mich sind sie Künstlerinnen und Künstler, vor denen ich mich wirklich verneige. Die Landwirtschaft ist eine Wissenschaft für sich und eine hohe Kunst, die ich bestaune…. Und von der ich keine Ahnung habe!

Eine Ministerin bricht in Tränen aus und alle applaudieren…

Auf den meisten Altären liegen in diesen Wochen des Erntedanks landwirtschaftliche Produkte, na klar! Getreide, Mehl, Butter, Eier, Milch, Wurst, Wein, Brot und Nudeln, Gemüse…. Das ist bunt und malerisch. Es erweckt den Eindruck einer übervollen Idylle. Aber in diesem Jahr hat auch der Eine, die Andere zum ersten Mal gespürt, dass das nicht immer so sein muß. Viele Regale in den Supermärkten waren leer. Toilettenpapier und Desinfektionsmittel, Nudeln und Brot, wurden sozusagen unterm Ladentisch gehandelt… Neben der Angst vor Ansteckung war da ein mulmiges Gefühl, dass es vielleicht einmal nicht für alle reichen könnte. Nach Wochen waren die Regale wieder voll…Unglaublich! Danke, Gott, dass wir mit so einer Fülle leben dürfen. Ich habe mir schon lange gewünscht, dass in einem Erntedankgottesdienst einmal ein Bauer, eine Landwirtin zu Wort kommt und uns von ihrer Arbeit, seiner Freude und seinen Sorgen erzählt. Aber… sie sind scheu!  Vor Monaten schon sagte mir einer: „Das Image der Bauern in der Öffentlichkeit ist total mies. Für die meisten Leute sind wir doch nur noch Bodenvergifter und Tierschänder.“ Wegen der Corona-Pandemie kommt es zu verschiedenen Schlachthof-Schließungen. Davon haben wir alle gehört. Kurz und knapp heisst es dann: Schweinehalter sollen schleunigst ihre Produktion drosseln. Vor einer Woche fängt Landwirtschaftsministerin Barbara Otte-Kienast bei ihrer Rede im niedersächsischen Landtag an zu weinen: „Mich erreichen Telefonate“ – sagt sie – von weinenden Frauen und Männern von den Höfen, die nicht mehr ein und aus wissen. Die sagen: „Ich töte meine Schweine und dann werde ich mich umbringen!“ „Und meine Damen und Herren, – fährt sie fort – „ich wäre froh, wenn ich diesen Menschen sagen könnte, dass das Schlimmste bereits überstanden ist. Aber genau das kann ich nicht.“

Und als sie die Tränen nicht mehr zurückhalten kann, sagt sie:„Entschuldigung, aber ich bin ein bißchen angefasst.“ Und die Abgeordneten aller Fraktionen spenden lang anhaltenden Beifall.

Wofür????

habe ich mich gefragt? Dafür, dass endlich mal jemand Gefühl zeigt? Dass sie spüren läßt, dass ihr der Kummer und die Not so zu Herzen gehen, die Hilflosigkeit, vielleicht auch die Angst vorab Fehlentscheidungen getroffen zu haben, dass die Tränen kommen. Dafür, dass sie die Tränen der Bäuerinnen und Bauern weint und alles es sehen? Dafür, dass sie uns ihre Tränen schenkt und alle spüren? Ja! Es ist einfach auch zum Heulen. Covid 19 hat uns alle verändert. Erschreckt, verängstigt, erstarrt. Im Leben mit unseren Familien und Freunden, in Firmen, Schulen und Vereinen…Corona hat uns verformt.  Schon so lange beißen wir die Zähne zusammen, ziehen die Köpfe ein.

Ja! Es ist zum Weinen, es ist zum Heulen, dass Menschen ihre Arbeit verlieren, ihre Existenz. Dass Mütter und Väter nicht mehr wußten, wohin mit ihren Kindern während des Lockdowns, weil selbst die Oma, der Onkel, eine Freundin nicht mehr kommen durfte. Und auch jetzt. Während die einen froh waren, dass sie nicht zur Schule mußten – und ein wenig Ferienfeeling genossen… waren andere froh, dass es endlich wieder losging. Und zwar nicht, weil sie einfach homeschooling-müde waren, sondern weil es vielen Kindern zuhause einfach nicht gutgeht. Das ist zum Heulen! Dass Menschen starben und niemand mehr Abschied nehmen konnte von den Liebsten tröstlich und bergend. Ja, es ist zum Heulen, dass wir es so mit der Angst kriegen, und glauben uns keine Barmherzigkeit mehr leisten zu können, für andere, die Hilfe brauchen: Menschen in Moria und Beirut, Menschen in Nuss-Schalen auf dem Mittelmeer, dem indischen Ozean treibend, in den Slums von Mumbai und Daressalam, auf den Strassen Berlins und unter den Brücken in Braunschweig. Das ist doch auch einfach zum Weinen! Eine Ministerin bricht in Tränen aus…und die Abgeordneten aller Fraktionen spenden lang anhaltenden Beifall.

Vielleicht ist es ja das…was wir uns an Erntedank in diesem Jahr schenken können. Dein Kummer berührt mich so, dass mir die Tränen kommen. Und ich sehe deine Tränen!  Wir schenken uns, dass wir noch berührbar sind, verletzlich bleiben, barfuß im Herzen, hat jemand zu mir gesagt.

Corona verlangt, was alle Götzen verlangen: nämlich, dass man Angst vor Ihnen hat. Und wer Angst hat, sieht nur noch die Gefahr. Er sieht nicht die wunderbaren Farben des Herbstes, riecht nicht mehr den Acker, wie er nach dem Regen duftet. Er schmeckt nicht das besondere Aroma des Kaffees und fühlt die Wärme der Tasse. Und Angst haben ja nicht nur die unter uns, die sich vor einer Ansteckung fürchten, sondern auch die, die auf den Straßen feiern. Als ob sie Angst hätten, dass es kein nächstes Jahr mehr gibt, als ob sie Angst hätten, dass das Leben mit diesem Jahr endet. Man erzählt sich dies und das über Götter. Sie seien stark und nichts könnte sie verwunden. Sie seien souverän und bräuchten niemanden. Aber was ist bewundernswert an der Stärke der Starken und an ihrer Unverwundbarkeit?

Wir kennen eine andere Erzählung über Gott.
Es wird erzählt, er sei hinter der Maske des Mannes aus Nazareth als Verwundbarer durch die Welt gelaufen – wie wir selbst. Er sei anfällig gewesen für Schmerzen, Tränen und Ohnmacht… Wie wir selbst…

Wie würde wohl der 3. November 2020 verlaufen, wenn ein Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika, einmal mit Tränen in den Augen erzählen würde, wir erschöpft er eigentlich sei, wie er sich um seine Frau,  seine Familie, seine Mitarbeiter ängstigt. Vielleicht auch, dass er einen Fehler gemacht habe..
Eine weint.. Und die anderen spenden Beifall…

„Wer unter dem Schirm des Höchsten sitzt und unter dem Schatten des Allmächtigen bleibt, der spricht zu dem Herrn: Meine Zuversicht und meine Burg, mein Gott, auf den ich hoffe.“ (Psalm 91, 1)

Hoffnung ist nicht die Garantie auf einen guten Ausgang.

Wir hoffen auch, in dem wir so tun, als hofften wir. Wie alles ausgeht, wissen wir nicht. In dieses Nicht-Wissen hinein singen und beten wir.

Und wir sind im Glauben verbunden mit unseren Schwestern und Brüdern über Hunderte von Jahren hinweg. Der 91. Psalm ist 2600 Jahre alt. Wie oft haben Menschen in Not ihn gebetet und gesungen? Wir teilen unseren Glauben, unsere Tränen und unser Lachen wie man Brot teilt in kargen Zeiten. Und es kann gut sein, dass unser Mund klüger und frommer ist als unser Herz. Danke, Gott, dafür!